Wie du zu dem Freak wirst, den du insgeheim bewunderst …Oder, wie ich meinen Lesehorizont erweitert habe

Es ist Jahre her, seitdem ich das erste Mal in meinem Leben auf einer Buchmesse war. Dort hatte ich den ersten Kontakt mit Mangas und der bunten Gefolgschaft der Cosplayer.

Heute ist das Hobby, in welchem man beliebige Charaktere für einen Tag, ein paar Stunden, oder nur ein paar Fotos porträtiert, für die meisten Messebesucher Normalität. Ich wiederum habe an diesem Tag einen Schock erlitten, der irgendwo zwischen Faszination und vollkommener Verwirrung einzuordnen ist.

Die Jahre vergingen und der Besuch der Buchmesse wurde zur Tradition, auf die ich jeden Frühling hinfieberte. Und, obwohl ich keine Videospiele besaß, noch nie bewusst einen Anime oder Comic konsumiert hatte und kein Manga in meinem Bücherregal zu finden war, faszinierten mich diese Menschen. Schon bald wurden sie das Highlight des jährlichen Messebesuchs für mich.

In der Schar von Besuchern war ich natürlich nicht die Einzige, die sich für die kostümierten Gestalten interessiert hat. Einige meiner Gafferkollegen bezeichneten das Geschehen vor ihnen als „Freakshow„,betrieben von „Losern, die kein Leben haben“. Und obwohl ich keinen Grund dazu hatte, habe ich mich von solchen Kommentaren persönlich angegriffen gefühlt.
Ich muss wohl kaum erwähnen, dass ein derartig respektloses Verhalten an sich bereits inakzeptabel ist. Dennoch brachte dieses Ereignis einen Gedanken in mein Bewusstsein, für den ich bis heute sehr dankbar bin: „Irgendeinen Mehrwert muss es den Leuten ja bringen, sonst würden es ja niemand machen.“

Was zunächst nicht wie der freundlichste Gedanke wirkt, mündete in zahlreiche Schlussfolgerungen. Wie konnte ich etwas verstehen, was ich nie am eigenen Leib erfahren hatte?

Der einfachste Weg etwas zu verstehen, ist, es einfach auszuprobieren…

es sei denn, ihr fragt euch, wie ich jahrelang, warum Menschen rauchen… probiert das nicht aus, Kinder – Keine Macht den Drogen!
(Check- hinter dem Bildungsauftrag.)

In der kommenden Woche habe ich mir einen Anime von einer Bekannten geliehen – ich fand ihn schrecklich. Es war eine von Inzucht getränkte, dann doch nicht Inzucht, Vampir – Schulmädchen – Story. Mit damals sechzehn Jahren waren meine Ansprüche an Literatur noch wesentlich einfacher. Umso schockierender die Tatsache, dass ich eine, anscheinend so gängige Mangaromanze nicht mochte. Wie konnte das sein? Ich liebte Romanzen!
Hier eine kleine Wahrheit:

Wenn du Cola bestellst, kannst du nicht erwarten, dass es wie Apfelsaft schmeckt.

Heute weiß ich, dass es tödlich für die Sache selbst und die Erweiterung des eigenen Horizonts ist, wenn man mit einer vorgefertigten Meinung etwas „Neues“ ausprobiert. Oftmals haben wir unterschwellige Erwartungen, die wir uns selbst nicht eingestehen wollen. Ich höre praktisch schon, wie die ersten einwenden, dass sie es doch tatsächlich versucht haben. Hier möchte ich noch einmal auf das Beispiel mit den Getränken zurück zu kommen – man kann kein Glas mit Apfelsaft füllen, wenn es bis zum Rand voll mit Cola ist.

Wenn die eigene Meinung insgeheim schon feststeht, ist kein Platz mehr für eine wahrhaftig neue Erfahrung.

Also wieder zum Anfang. Es hat fast noch zwei Jahre gedauert, bis ich mir meinen ersten Manga gekauft habe. Und was soll ich sagen – ich habe ihn geliebt! Kurz darauf sind die ersten Animes gefolgt und recht schnell wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit erwartet hatte, dass ein Manga nur ein gezeichnetes Buch ist. In gewisser Weise ist das sicherlich so, aber viel mehr ist es eine eigene Kunstform. Emotionen werden auf eine ganz andere Weise vermittelt, Beziehungen funktionieren anders, haben einen mehr symbolischen als rein körperlichen Stellenwert. (Dieser Vergleich bezieht sich nur auf das Teenage Romance Genre, was ich zu diesen Zeitpunkt auch in der gängigen Literatur bevorzugt habe.)

Schließlich habe ich Animes in Serien und Filmformat geschaut, welche mich zu Tränen gerührt haben. Es war ein wenig, als würde ich noch einmal lesen lernen, da, wie schon erwähnt, viele Dinge symbolischer sind – die Art, wie eine Träne sich am Augenwinkel aufstaut, die Art, wie die Leute leise fluchen und, wann immer sie über ihre Ziele sprechen, scheinbar grundlos zu schreien beginnen.

Heute liebe ich Anime und Manga, wie ich Bücher liebe – manche rollen einem zwar die Fußnägel hoch, andere jedoch erfüllen einen mit so vielen Emotionen, katapultieren einen schneller in den Fangirlmodus als man „suki desu“ sagen kann.
Das Ende der Geschichte:

Die Art, wie wir auf Dinge reagieren, sagt so viel mehr über uns aus, als über denjenigen, auf den wir reagieren.

Ich glaube, dass die Menschen, die andere als „Freaks“ bezeichnen, an irgendetwas in sich erinnert werden, an das sie lieber nicht denken wollen- aus welchen Gründen auch immer. Ich weiß, dass ich schweigend gestaunt habe, weil ich das Selbstbewusstsein dieser Cosplayer bewundert habe. Nichts und niemand konnte sie davon abhalten, auf diese Messe zu gehen, als die Person, die sie an diesem Tag sein wollten. Sie waren mutig, sie taten, was ihnen Freude bereitete und -Spoiller alert- nächstes Jahr möchte ich eine von ihnen sein.

Ja, ich nähe fleißig an einem Kostüm – ich bin super nervös, dass ich als blutiger Anfänger ein optisches Geschwür in der Masse perfekter Kostüme bin, aber ich tue es trotzdem.

Seid tapfer und seid freundlich und verdammt, gebt den Dingen oder Menschen, die ihr zweifelnd beäugt, eine Chance – eine richtige Chance. Man muss nicht alles mögen, aber bevor man ein Urteil fällt, empfiehlt es sich, einen Selbstversuch zu starten (wir reden von neuen Buchgenres und Hobbys, nicht von Drogen, Morden oder Rosenkohl – bleibt anständig, Kinder!)
Ich wünsche euch nur das Beste,
Elli.

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