Papier gegen Leinwand – Love Simon

Der Moment, in welchem man sein selbst geschriebenes, hübsch gedrucktes Buchbaby in die Hände eines Filmproduzenten legt, muss einer der aufregendsten Momente für einen Autor sein. Die Frage, ob du dein eigenes Baby später noch wiedererkennst, beschäftigt jedoch nicht nur den Schriftsteller, sondern vor allem auch die Leser.

Für alle, die schon lange vor dem Erscheinen des Filmes Fanart gestaltet und konsumiert haben, die sich in unendlicher Sehnsucht nach mehr durch das Fanfiktionarchiv gewühlt haben und regelmäßig Zeit einplanen, um einfach an eine Wand zu starren und an die wundervollen Bücher zu denken, die sie gelesen haben – für all die kommt hiermit die Antwort auf folgende Frage: Kann sich die Inszenierung von „Love Simon“ unter der Regie von Greg Berlanti der gleichen bedingungslosen Fanliebe bewusst sein wie die grandiose Buchvorlage von Becky Albertallis: „Simon vs. the homo sapiens agenda“?

[Dieser Post beinhaltet Spoiler, die sich auf das Buch beziehen. Spoiler über den Film werde ich vermeiden, an Stellen wo dieser vom Buch abweicht.]

Ich kann euch beruhigen: Die Grundgeschichte von Simon, der sich mit seiner Internetbekanntschaft „Blue“ über seine Erlebnisse, seine Gedanken und das Leben als nicht geouteter homosexueller Teenager an einer US-Amerikanischen Highschool austauscht, ist in vielerlei Hinsicht nah an der Buchvorlage geblieben.
Natürlich mussten hier und dort ein paar Szenen herausgeschnitten werden – nicht, dass ich etwas gegen einen fünfstündigen Kinofilm hätte, aber ich verstehe, dass nicht jeder bereit ist, so viel Sitzfleisch zu beweisen. Wann immer man eine Szene entfernt hat, wurde versucht, wichtige Erfahrungen oder Dialoge, die sonst verloren gegangen wären, in andere Szenen einzufügen.
Erinnert ihr euch an Simons erstes Bier? Oder den Ausflug in die Bar? Man hat zum Beispiel Elemente aus diesen beiden Szenen kombiniert, so dass es nun etwas anders ist, aber nichts Wesentliches dabeiverloren gegangen ist. Wobei „Wesentliches“ hier natürlich eine Herzensfrage ist. Ich war zum Beispiel enttäuscht, dass die Halloweenkostüme von Leah und Simon geändert wurden – diese sind zwar nicht essenziel für die Hauptstory, aber waren im Buch ein bezauberndes Detail.
Den Part, in dem Simon versucht herauszufinden, wer Blue ist, haben sie gut umgesetzt. Seine momentane Vermutung wird immer offenbart, wenn er eine Email von Blue liest, was einen zeitsparenden Effekt hat und dadurch mehr Raum für andere Dialoge und Konflikte einräumt, ohne das Simons Gedanken verloren gehen.

Da es weniger Szenen gab, mussten die vorhandenen voll ausgeschöpft werden, um einem die Charaktere zu präsentieren. Da ist der eine oder andere mal mehr über die Stränge geschlagen als im Buch. Dadurch enthält der Film auch für die, die das Buch in- und auswendig kennen, noch die eine oder andere Überraschung parat.

Gegen Ende hat man dann doch einiges geändert, hauptsächlich der Funktionalität und des Unterhaltungswertes wegen. Das konnte ich allerdings verkraften. Der Moment, als das Mysterium um Blue gelüftet wird, lässt mich zwiegespalten zurück. Die Dynamik zwischen Simon und Blue ist wunderschön, aber die Szene ist nicht so intim, gehört nicht so völlig ihnen selbst, wie es im Buch war.

Die Charaktere fand ich gut umgesetzt. In ihren grundlegenden Wesenszügen sind sie der Buchvorlage treu geblieben. Damit bietet der Film viele Möglichkeiten zur Identifikation für den Zuschauer. Kleine Fehler und Schwächen machen die Hauptrollen dabei nur umso liebenswerter. Beim genaueren Hinsehen gab es jedoch einige Fehler: Manche Charaktere hatten mal ein paar Geschwister mehr oder weniger und die Scheidung oder finanzielle Lage der Eltern wurde nicht berücksichtigt, was etwas unaufmerksam wirkte. Man hat an den Loveinterests gespielt, was ich aber als interessanten Touch empfunden habe, da es dazu beigetragen hat, den Konflikt innerhalb der Clique verstärkt zuzuspitzen.

Orte wurden verändert, ein eigenartiger Konrektor wurde hinzugefügt und einige Ereignisse, wie zum Beispiel der Talentwettbewerb, fanden gar nicht statt – Schade, aber nicht tragisch und in Anbetracht der begrenzten Filmlänge eine gute Wahl, wenn es darum geht, Szenen einzusparen.

Was ich tatsächlich etwas schade fand, war, dass Leah dünn war. Sie hatte etwas mehr als die Umstehenden auf den Rippen, war damit aber keineswegs gewichtiger als die meisten „schlanken“ Frauen in der Realität.

Schauspielerisch finde ich den Film gut umgesetzt. Ich habe mich sehr an den Dialogen und kleinen Details wie die Nahaufnahme von Simons Eyeliner erfreut. Ebenfalls positiv: Die Teenager sahen aus wie Teenager! Mit normaler Kleidung und Frisuren, die man auch in der Realität oft sieht.

Fazit:

Der Film ist sehenswert. Wer das Buch gemocht hat, muss keine Angst haben, dass ihm der Film nicht gefällt, denn dieser ist sehr gefühlvoll und dennoch witzig erzählt. Die Umsetzung ist meiner Meinung nach gelungen und die Änderungen sind zwar durchaus spürbar vorhanden, aber ich glaube nicht, dass sie der Hauptstory des Films schaden.

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